Deutschland- das bedeutet Eisbein, Sauerkraut und Lederhosen. Zumindest war es das, was die Japanerin Yui Takami von ihrem dreiwöchigen Aufenthalt bei Familie Höinghaus in Werne erwartete. Sie war überrascht — und zwar angenehm.

Die 20-jährige aus der nordjapanischen Stadt Morioka hatte sich auf den internationalen Austausch der Lions Clubs richtig vorbereiten wollen. "Deshalb habe ich mir eine Art Reiseführer gekauft. Dort stand, dass die Deutschen gerne Eisbein essen und Lederhosen tragen."

Dass es sich dabei um ein bayrisches Klischee handelte, fand Yui ganz schnell heraus. "Natürlich war ich überrascht, dass hier alles ganz anders ist. Aber es gefällt mir sehr." Großen Anteil daran hat wohl Emily Höinghaus. Die 17-jährige Wernerin und der Gast aus Japan verstanden sich auf Anhieb — zumal beide fließend Englisch sprechen. Gemeinsam besuchte man die Städte Köln und Münster, wo besonders die Kirchen großen Eindruck auf Yui machten: "So etwas haben wir in Japan nicht."

Die Buddhistin legt ihre Religion liberal aus — schließlich glauben alle Menschen an den gleichen Gott: "Wenn ich zum Beispiel einmal heirate, soll es so aussehen wie bei einer christlichen Hochzeit." Ob ihr Freund in Japan von den Plänen weiß, ließ die junge Frau, die in Japan Internationales Management studiert, offen.

Auf die gravierenden Unterschiede zwischen Deutschland und Japan angesprochen, erwiderte sie spontan: "Das Essen. Hier gibt es eine große, warme Mahlzeit zu Mittag. Bei uns essen wir so etwas zu Abend." Berührungsängste mit der deutschen Küche hat sie jedoch keine — und im Gegenzug bekochte sie Familie Höinghaus mit Teriyaki- und Okonomiyaki-Gerichten. "Kochen zählt neben Malen zu meinen Leidenschaften." Ein Tag im Münsteraner Picasso-Museum war beinahe zu kurz, für die Künstlerin, die selbst beeindruckende Acryl-Gemälde anfertigt.

Ein weiterer Unterschied ist Yui aufgefallen. "Die Supermärkte hier in Deutschland sind riesig. Dafür habt ihr sehr kleine Elektronik-Läden, wie zum Beispiel Saturn." Den Entschluss, am Lions-Austausch nach Deutschland teilzunehmen, fasste sie auf Empfehlung eines Lehrers: "Er sagte, dass man hier einen vielfältige Kultur entdecken könne." Und auch wenn der Reiseführer zunächst etwas anderes behauptet hatte, gibt sie ihrem Lehrer Recht: "Es gefällt mir sehr."

Am morgigen Donnerstag kehrt Yui in ihre Heimat zurück — doch der Kontakt zu ihren neuen deutschen Freunden in Werne wird weiter bestehen — Gegenbesuch nicht ausgeschlossen. dac

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Quelle: Ruhrnachrichten, Werne, 20.08.2010